FRANK BAQUET  – KEINE MALEREI

Eröffnungsrede zur Ausstellung im Kunsthaus Troisdorf, 26. Mai 2024

Michael Schneider, Kunsthistoriker, Köln


Kunst!
Ist es nicht egal, wie etwas technisch gemacht ist? Kommt es nicht auf die Wirkung an? Auf die Wirkung und nichts als die Wirkung? Was wird durch die Betrachtung bei Ihnen ausgelöst? Unabhängig von Kunstmarkt, Hype, Marketing und Renditespekulationen? Reden wir über Kunst, kommt es doch wohl auf den Inhalt an!


Nicht die Beträge, die vielleicht dafür gezahlt werden, machen das Kunstwerk aus, sondern das, was es mit Ihnen in Ihrem Inneren macht. Sie als Betrachterin, als Betrachter allein vor dem Werk. Sie und das Bild. Innere Kommunikation!
Das gilt für die sogenannten Bluechips auf höchstem internationalen Parket ebenso wie für jedes andere Artefakt.
Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Sie sich auf das Werk einlassen, ihm Aufmerksamkeit schenken und sich darauf konzentrieren. Das muss keine minutenlange Andacht sein, es reicht zunächst meist ein Augenblick, in dem Sie dem
Anspruch, der Behauptung dieses Gegenübers an der Wand gerecht werden. Dabei sollten Sie ehrlich sein, denn Sie sind die einzige Instanz.


Ist da etwas, das mich anspricht, fesselt? Kann ich das alles ablehnen? Ist mir das zu flach, zu dilettantisch, zu perfekt, zu glatt, zu rotzig? Warum? Liegt da etwas tiefer, versteckt – spielt mit meinen Erinnerungen, Assoziationen, Träumen, Albträumen? Bleibe ich so hängen – auch weil es mich vielleicht stört – bin ich schon im Diskurs – hat das Werk mich schon erreicht – pflege ich eine Auseinandersetzung mit ihm.


Kunst!
Kunst ist das, was Künstler*innen machen. Wenn man Jahre, Jahrzehnte, die Zeit eines ganzen Lebens auf das Erschaffen von Kunstwerken aufwendet, dann macht man das in der Regel in erster Linie für sich und nicht für ein Publikum. Dann ist man auf der Suche nach Ausdruck, der sich nur so finden lässt und diesen braucht man für das eigene Fortkommen. Dabei verändert sich vielleicht das Werk stetig und man gelangt zu Ergebnissen, die am Anfang des Weges nicht erwartbar waren. Die permanente Suche nach Ausdruck, das weiterund- weiter-Arbeiten ist der rote Faden und im Idealfall erreicht man damit zusätzlich das Empfinden eines Publikums.


Wir eröffnen heute gemeinsam die Ausstellung „Frank Baquet – Keine Malerei“ im Kunsthaus Troisdorf. Dieser Titel „Keine Malerei“ kennzeichnet in zwei einfachen Worten den roten Faden im Schaffen von Frank Baquet. Seit er als 14jähriger Jugendlicher eine Spiegelreflexkamera geschenkt bekam, sucht und findet er im und mit dem Medium der Fotografie seinen Ausdruck. Zunächst natürlich analog und mit intensiver Arbeit im Labor, heute digital mit den Möglichkeiten der Computer gestützten Nachbearbeitung. Interessanterweise kommt er mit seinen Ergebnissen malerischen Eindrücken sehr nahe, so dass ihm das strenge Diktum „Keine Malerei“ notwendig schien. Schließlich behauptet sich so auch ein Kern „naturalistischer Ausgangsrealität“. Frank Baquet ist durch und durch Fotograf.


„Color!“ Fünf übermannsgroße stark farbig bedruckte Planen verlangen im ersten Ausstellungsraum zunächst meine Aufmerksamkeit. Es spricht mich an, dass sie so merkwürdig strukturiert-unstrukturiert wirken. Ich weiß, dass das paradox klingt. Es lässt sich deutlich ausmachen, was hier Hintergrund und Vordergrund ist, eine tiefenräumliche Staffelung und aus der Tiefe scheint jeweils Licht zu kommen, Farbräume aus einer anderen Dimension? Eine schwer fassbare Unschärfe repetitiver Farbformen und wie Nebel fallende, bunte Farbschwaden, dazu werden Partien lamellenartiger und zellularer Strukturen komponiert. Verführerisch schön!


Diffuse Farbträume, die mich gefangen nehmen, an denen ich mich nicht satt sehen kann, in denen ich immer weiter nach konkreten Aufhängern suchen möchte, um solche immer wieder zu verlieren und weiter durch den Farbraum zu taumeln. Diese überwältigenden Werke sind teilweise mit 2024 datiert. Es sind die aktuellsten Arbeiten der Ausstellung.


An der langen Wand finden sich kleinere Formate, Beispiele aus sehr umfangreichen Serien farbmodulierter Motive aus den Jahren 2022 und 2023. In den „Color Grids“ und „Color Circles“, insbesondere aber in den Serien „DW“ und „FEA-BN“ lassen sich Realitäten deutlich fassen. Grids und Circles verfremden reale Raster und rotierende leuchtende Objekte, die beiden modernen, transparenten und stark gegliederten Architekturen werden durch Langzeitbelichtungen, Überblendungen, Farbumkehrungen und stark bunte Farbmanipulationen in jeweils eine andere Form transportiert, von der ich nicht zu sagen vermag, ob sie Utopie oder Dystopie verspricht. - Ein Paradoxon auch hier!


Dylan Cem Akalin hat in seiner umfangreichen Vorankündigung dieser Ausstellung dazu im Bonner General-Anzeiger geschrieben: „Das Vordergründige verschwimmt, das Bekannte ist so stark reduziert, dass am Ende praktisch nur noch ein Konzentrat des Wirklichen übrig bleibt.“ Er gipfelt in der Überschrift „Ein anderer Blick auf die Realität“ und hat damit
zweifelsfrei auch die Werke aus der Serie „Fragments“ von 2007 im zweiten Raum der Ausstellung in Sinn.


Diese „kleinen retrospektiven Wegmarken“ (Frank Baquet) seiner Arbeit sind scheinbar banale urbane Szenerien, die hier mutieren zu fremden, verlorenen Ansichten. Unsere Alltagsumgebung scheint zu einem Lost Place zu werden. Wie
alle noch nachvollziehbaren Realitäten in Frank Baquets Schaffen sind auch dieseHandlungsräume menschenleer. Die dystopische Komponente ist eine ebenso starke Assoziation wie das Empfinden für Unorte, deren strukturelle Kennzeichen - Netze von Strom- und Oberleitungen, Röhren, Gerüste, Stahlarmierungen - besonders
betont werden.


Die Matrix unserer erlebten Oberfläche zerfällt in metaphysischen Reduzierungen, indem Differenzierungsebenen ausgelöscht werden und in einem schlammfarbenen Urbrei verschwinden. Auch das hatte schon einen Vorläufer. In der Serie „Deep Sea“ schweben die schwarzen Schatten-Schiffskörper in einem grauen wenig differenzierten Fond. Sie
wirken wie die Echolot-Bilder einer unmittelbaren Bedrohung. Angreifer, die plötzlich aus dem Nichts unmittelbar zuschlagen, gleichzeitig schwer zu fassen, weil sie nur als Schattenchimären aufgezeichnet werden konnten. Werke von 2002 und 2007, die ihre Aktualität nicht eingebüßt haben.


Die Auseinandersetzung mit medial vorgeprägten Bildern aus den Nachrichten gipfelt in dem drastischen Bild „9/11“ von 2010, das in der Inszenierung dieser Ausstellung nicht ohne Hintergedanken auf der Rückseite einer der großen Farbplanen installiert ist. Es ist keine Malerei! All das ist Realität, mit der wir umgehen müssen an fröhlichen Tagen, aber auch in schwierigen Lagen.


Frank Baquet vollendet in wenigen Tagen sein 60stes Lebensjahr. Er versucht seit Jahrzehnten unsere schwer begreifliche Realität zu fassen und er berichtet in seiner künstlerischen Sprache mit den Mitteln der Fotografie von ihr. Er dokumentiert so einen Teil unserer Gegenwart und versieht sie mit persönlichen künstlerischen Kommentaren. Ich bin mir sicher, dass er das auch in den nächsten Jahrzehnten tut, ich bin mir sicher das das richtig und wichtig ist und ich freue mich darauf, mit seinen Werken innerlich kommunizieren zu dürfen und bisweilen auch äußerlich.


Vielen Dank, Frank Baquet!
Und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!